Liederzyklus

2. Der Weichdorn


Als Maria heut' entwich,
heut' vor Jahren, über das Gebirge endelich,
wunderten darüber alle Büsch' und Bäume sich,
wie vorüber so geschwind wie ein Frühlingswind sie strich.
Und sie hätten gern im Geh'n,
gern sie angehalten,
durften sich's nicht untersteh'n
alle jung' und alten:
nur ein Dörnlein hielt im Weh'n
ihre Falten wie ein Kind
und begann geschwind zu fleh'n:
"Laß von diesen Tropfen Schweiß,
die auf deinen Wangen steh'n
wie die Perlen weiß,
eine mich empfangen!
Wenn auf mir die Perle leis
ist zergangen,
will ich lind duften deinem Kind zum Preis."
Und sie gab von ihrer Wang' ihm ein Tröpflein nieder,
das dem armen Dorn durchdrang Herz und alle Glieder.
"Wenn dir Blatt und Blüth' entsprang,
kehr' ich wieder,
mein Gesind!
Jetzo nicht mich bind im Gang!"
Und es läßt der Dorn sie geh'n,
und der Blätterlose
sieht sich Blatt um Blatt entsteh'n,
Ros' erblüh'n um Rose.
Jede Ros' ist anzuseh'n
wie im Schoße Jesuskind,
duftet auch so lind und schön.
Eh' des Dörnleins Rose roch,
duftet's schon am Laube,
und die Blümlein duften noch
von der Ros' im Staube.
Wenn sich Blüth und Blatt verkroch,
ob nun schnaube Winterwind,
duftet Holz und Rind' ihm doch.
"Weichdorn soll mich Berg und Kluft,
das ist Weihdorn nennen;
wenn mann Rosendorn mich ruft,
werd ich's nicht erkennen.
Mich geweiht bei Wieg' und Gruft
soll man brennen.
Augen blind stärkt als Angebind mein Duft.
Ich bin's, der die Äpfel trägt,
die, dem Ruhekissen
des Schlaflosen unterlegt,
Schlummer bringen müssen,
daß dein Herz in Frieden schlägt,
wie dem süßen Himmelskind,
als es Kripp' und Rind' umhegt."

Vertonungen

 KomponistWerkJahr
Loewe Carlop. 0751837