Liederzyklus

Hagars Klage


Hier am Hügel heißen Sandes Sitz ich,
und mir gegenüber Liegt mein sterbend Kind,
Lechzt nach einem Tropfen Waßer Lechzt und ringt schon mit dem Tode,
Weint und blickt mit stieren Augen Mich bedrängte Mutter an. Du mußt sterben, du mußt sterben Armes Würmchen! Ach nicht eine Träne Hab ich in den trocknen Augen, Wo ich dich mit stillen kann. Ha! säh ich eine Löwenmutter, Ich wollte mit ihr kämpfen, Um die Eiter kämpfen. Könnt ich aus dem dürren Sande Nur ein Tröpfchen Waßer saugen! Aber ach! ich muß dich sterben sehn! Kaum ein schwacher Strahl des Lebens Dämmert auf der bleichen Wange, Dämmert in den matten Augen, Deine Brust erhebt sich kaum. Hier am Busen, komm und welke! Kömmt ein Mensch dann durch die Wüste, So wird er in den Sand uns scharren, Sagen: das ist Weib und Kind. Ich will mich von dir wenden, Daß ich dich nicht sterben seh Und im Taumel der Verzweiflung Murre wider Gott! Ferne von dir will ich gehen Und ein rührend Klaglied singen, Daß du noch im Todeskampfe Tröstung einer Stimme hörst. Nur zu letzten Klaggebete öffn ich meine dürren Lippen, Und dann schließ ich sie auf immer, Und dann komme bald, o Tod. Jehova! blick auf uns herab! Erbarme dich des Knaben! Send aus dem Taugewölke Labung uns herab! Ist er nicht von Abrams Samen? Er weinte Freudetränen, Als ich ihm dies Kind geboren, Und nun wird er ihm zum Fluch! Rette deines Lieblings Samen, Selbst sein Vater bat um Segen, Und du sprachst: Es komme Segen über dieses Kindes Haupt! Hab ich wider dich gesündigt: So treffe mich die Rache, ha! Aber ach! was tat der Knabe, Daß er mit mir leiden muß? Wär ich doch in Sir gestorben, Als ich in der Wüste irrte, Und das Kind noch ungeboren Unter meinem Herzen lag; Nein da kam ein holder Fremdling, Hieß mich rück zu Abram gehen Und des Mannes Haus betreten, Der uns grausam itzt verstieß. War der Fremdling nicht ein Engel? Denn er sprach mit holder Miene: Ismael wird groß auf Erden, Sein Samen zahlreich sein. Nur liegen wir und welken; Unsre Leichen werden modern Wie die Leichen der Verfluchten, Die der Erde Schoß nicht birgt. Schrei zum Himmel, armer Knabe! öffne deine welken Lippen! Gott, der Herr, verschmäh das Flehen Des unschudgen Knaben nicht!

Vertonungen

 KomponistWerkJahr
Schubert FranzD 0051811